Die taz und ihr Kampfhundgott
08.06.2010[2]
Euer Kampfhund-Gott Wotan?Liebe taz, zu euren Gunsten darf man annehmen, dass ihr den berühmten tausend Affen an den berühmten tausend Schreibmaschinen in eurer Redaktion einfach nicht genügend Zeit gelassen habt. Oder dass sie zu sehr mit dem nächsten Artikel über neofaschistische Äußerungen im Vorstand des Kleinniederloheler Gartenvereins "Sonnenfroh" beschäftigt waren. Verzeihen kann man auch vorerwachsene Ausfälle wie na na na und weeeeh. Unter Satire versteht ihr pubertäre Zickigkeit? Kein Ding.
Nicht mehr verzeihen kann man eure schamlose Uninformiertheit, eure Verweigerung und euer Desinteresse gegenüber allem, was nicht in eure blutrote Butterkuchenwelt passt, und, am allerschlimmsten, die epische Überheblichkeit und Arroganz, mit der ihr eure unfundierten Meinungen verbreitet wie Ratten die Pest.
Kampfhund-Gott Wotan. Das sitzt. Ein Paradebeispiel für die Mentalität eurer Zeitung und eurer Zielleserschaft, die hasst und schasst was sie nicht kennt und niemals kennen will. Ihr wollt die Guten sein? Die aufgeschlossenen, toleranten und fröhlichen Kämpfer für eine bessere Welt? Heuchler und Lügner seid ihr, und das so offen und offensichtlich, das einem angst und bange werden kann. Ihr seid nie verlegen um die Ausrede des zweckheilenden Mittels in eurem heiligen Krieg gegen Nazigespenster im Neuheidentum und überall. Ihr seid Wölfe im Schlangenpelz.
Und wie allegorisch, dass ausgerechnet ihr Linksalternativen Wodan, ein Symbol von Wissen und Weisheit auf den Aspekt reduziert, den er über tausend Jahre vor seiner Göttervaterrolle verkörperte, als Wode, Anführer des wütenden Heeres der Gefallenen. Verfahrt ihr nicht genauso mit denen, die sich nicht eurer Denkweise ergeben? Reduziert ihr nicht genauso jeden sich eurer Weltanschauung verweigernden Menschen auf ein obskures Nachbeben unserer Vergangenheit? Ist die Welt für euch nicht voller "Scheißnazis", voller Geisterheere? Der Kampfhundgott, der Gott der Beißreflexe und ideologischen Tollwut, ist euer Idol mehr als irgendjemand anderes.
Der letzte Anfall von Vollidiotie in eurer sogenannten Glosse verleiht ihr einen würdigen Abschluss. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da will ich mitten unter euch sein" ist mitnichten aus der Edda oder einer anderen altheidnischen Schrift, sondern aus Matthäus 18,20, also ungefähr dem letzten Ort, in dem sich irgendein Zitat Wotans finden ließe.
Wenn ihr einmal zur Abwechslung zu einem Thema recherchiert und der Edda einen Blick gegönnt hättet, wäre euch vielleicht ein Vers aufgefallen, der sich an eurer Redaktionswand gar prächtig machen würde:
Der Unweise, der zu andern kommt, halte stets sich still: Niemand merkt, dass er nichts versteht, wenn die Zunge er zügeln kann. [1]
Auf tausend schweigende Affen,
Brautingi
08.06.2001n.Hr.
Quellen:
[1] Hávamál, 21; Die Edda nach Felix Genzmer, Heinrich Hugendubel Verlag München, 2006
[2] → Verboten; die Tageszeitung, www.taz.de, 7. Juni
Neuer Komik: Al-Jokey
27.05.2010Julzeit 4/4 - Die Rückkehr des Lichts
02.04.2010Julzeit 4/4
Die Rückkehr des Lichts
Es ist Ostern, der Winter verabschiedet sich endgültig und macht dem Beginn des neuen Jahreszyklus Platz. Zeit, den letzten Teil von Balders Geschichte zu erzählen.
Die alte Welt ist im Ragnarok untergegangen und hinterließ nach dem langen Fimbulwinter nichts als verbrannte Erde und verdampfte Überreste aller Wesen Jotunheims, Asgards, Wanaheims und Midgards. Fast alle Riesen, Götter und Menschen wurden vernichtet. Überlebt haben nur wenige: Zwei Menschen namens Lif und Lifthrasir (Leben und Lebenskraft), Odins Bruder Vil, seine Söhne Vidar (der Waldgott) und Vali sowie Thors Söhne Magni und Modi. Doch noch zwei andere Götter stehen an der Spitze der neuen Welt: Baldr und Hodr, die beiden Brüder, die gemeinsam und versöhnt aus Hel auferstanden. Unter ihrer Führung trägt der Weltenbaum wieder Blätter und die neun Welten erstrahlen im neuen Glanz. Alles unreine wurde in der alten Welt zurückgelassen.
Die Ragnaroksage ist die Interpretation des (europäischen) Naturkreislaufs durch Menschen, die die Härte und Kälte der Wintermonate noch am eigenen Leib erfahren mussten und für die die erste Frühlingssonne, das Licht Baldrs, wie eine Erlösung und Erleichterung schien. Die Zeit der körperlichen Entbehrungen (und vielleicht auch Todesangst) war nun vorerst vorbei. Baldrs Rückkehr verhieß eine neue Chance und Optimismus für das kommende Jahr. Es ist ein Glücksgefühl natürlichen (und damit göttlichen) Ursprungs, und den Menschen aus nördlichen Breitengraden selbst heute ganz und gar nicht fremd.
Wir erleben nun diese kurze und verlockend euphorisierende Zeit nach dem Ragnarok, in der die neue Welt rein und unschuldig erscheint und nur darauf wartet, dass wir, Götter und Menschen, das beste aus ihr machen und riesischen Mächten, sofern sie überlebt haben, mit aller Kraft entgegentreten. Alte Bürden ablegen, einen Neuanfang wagen, das ist unsere heidnische Pflicht.
Und genauso ist es unser heidnischer Fluch, dass das Weltendrama seinen unaufhaltbaren Verlauf nehmen wird, dass unser Kampf gegen die Riesen in einem erneuten Untergang enden wird. Und ist es nicht die Unterlegenheit zu den Riesen, so ist es Lokis Zerstörungswahn, der das Rad der Zeit zu Ende drehen wird. Wir haben keine Wahl, genauso wenig, wie wir den Wechsel zu Sommer, Herbst und schließlich Winter verhindern können. Baldr, alles Schöne, wird sterben, doch er wird zurückkehren. Die Julsage spiegelt diesen natürlichen Kreislaufs und die ihn ihm versteckte Hoffnung wieder.
Was ist die Botschaft der germanischen Brauchtümer und Sagen um das Julfest? Odin erfährt von der Volva aus erster Hand, dass die Welt untergehen wird, es ist nur eine Frage der Zeit. Genau diese Variable versucht er zu manipulieren. Odin erschafft mit seinen Brüdern die Menschen und setzt sie in die entbehrungsreiche Welt Midgard, damit sich die besten von ihnen im Kampf, der das Leben ist, behaupten können und zum großen Heer Valhalls stoßen. Was die Götter allein nicht schaffen, sollen die Menschen erreichen: Das Blatt wenden in der letzten großen Schlacht gegen die Riesen, um den Weltuntergang zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern. Diese und keine geringere Aufgabe hat Odin den Menschen zugedacht, trotz der Verzweiflung der Gewissheit, dass sich das Unvermeidbare nicht verhindern lassen wird.
Aus dem gleichen Grund müssen jedem Toten die Nägel geschnitten werden, da das Heer der Riesen sich aus diesen Nägeln das Schiff Naglfar bauen wird, um zur letzten Schlacht zu reisen.
Odin leuchtet in der Julgeschichte als unser Vorbild: Nach dem Höchsten streben, selbst im Angesicht des Unvermeidbaren den Mut nicht sinken lassen und stets die Selbstverbesserung und Selbstreinigung im Auge behalten, auf dass sich das Zeitenrad noch ein wenig langsamer drehen möge. Es gilt auch, Lokis destruktiven Einfluss zu bekämpfen, zum Schutz Baldrs.
Die germanischen Feiertage, Weihnachten, Silvester und Ostern, sowie ihre Bräuche und Traditionen sollten dabei nicht ermahnen oder züchtigen. Ebensowenig sollen sie ihre Botschaft in uns hineinhämmern oder aufzwingen. Das Sonnenrad anzuzünden, den Julbaum zu schmücken, Silvester zu feiern und Eier im jungen Grün zu verstecken dienen allein dem Zweck, ohne den wir diese Bräuche nie ausüben würden: Spaß haben, und vielleicht sogar eine innere versteckte Freude empfinden beim Leben und Erleben alter Sitten, deren Ursache und Botschaft in uns stecken seit so langer langer Zeit.
Frohe Ostern, god påske und einen sonnigen Start in ein frisches Midgard,
Brautingi
02.04.2001n.Hr.
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Neue Illustration: Våren
31.03.2010



