Das Recht auf Identität
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Von Anti-Speziesismus und Odalismus
Ein Kommentar zur Weltlage aus dem Herzen des Neuheidentums

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Das Recht auf Identität
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Von Anti-Speziesismus und Odalismus
Ein Kommentar zur Weltlage aus dem Herzen des Neuheidentums
1 Vorwort
2 Falscher und wahrer Speziesismus
2.1 Eine naive Ableitung
2.2 Fehler der Ableitung
2.3 Die Redefinition
3 Identitätsrecht und Odalismus
3.1 Das Identitätsrecht
3.2 Die wahren Chauvinismen
3.3 Soziale Identität und Nationalismus
3.4 Odalismus
4 Fazit
1. Vorwort
Zu den verstörendsten Anblicken unserer Zeit gehören Schnellrestaurants im Hochbetrieb. Lawinen von Fett füllen Kassenschlangen, nur um sich hernach vollbeladen mit Biomasse, die das Prädikat Nahrung nicht verdient, wieder über die Straße zu ergießen. Und macht einen der Anblick nicht fertig, so tut es die Vorstellung, mit welcher Geringschätzung, ja Verachtung, ehemals lebendes Fleisch in schleimige Mäuler verschwindet. Nicht einmal wenn uns von Filialen auf der ganzen Welt die gleiche clownsgesichtige Fratze anglotzt, merken wir, wie diese kulinarische Selbstvergiftung bloß das Symptom einer globalen Krankheit ist. Griller und Kassierer sind die Priester des Konsums, einer nihilistischen Religion, die uns erfolgreich an einem wunden Punkt angreift. Wir sind geschwächt und demotiviert vom lebensverachtenden, todesverherrlichenden und weltfremden Christentum, und wollen ein neues Heil, ein möglichst billiges und schnelles Glück. Wir wollen die Millisekunde, in der ein Konglomerat aus Fleisch, Geschmacksverstärkern und prallgefüllten Shoppingtaschen unser Belohnungsystem im Gehirn zu Tode fickt. Auf dem Altar des Konsums opfern wir die ganze Welt und die Sucht zwingt uns immer zu mehr, mehr, mehr.
Mit der Einsicht stellt sich die Frage, ob diese Respektlosigkeit vor Tier, Mensch und Umwelt ein und dieselbe Ursache hat, und ob es eine Idee gibt, die uns dazu inspirieren kann, sie zu bekämpfen und ein höheres Ideal der Nachhaltigkeit zu verfolgen. Unsere Probleme wurzeln in gleichen Denkfehlern und laufen auf dieselbe Lösung hinaus, die ich hier vorstellen will. Die Basis dafür ist eine grundsätzliche Revision unserer Sicht auf Tiere. Dies gilt auch und besonders für Tierrechtler, welche sich gerne als Anti-Speziesisten bezeichnen.
2. Falscher und wahrer Speziesismus
2.1 Eine naive Ableitung
Der Begriff "Speziesismus" wurde zuerst 1970 vom britischen Psychologen Richard Ryder definiert. Menschen, die Speziesisten sind, glauben demnach, dass sie als Menschen höhere Rechte und Privilegien als Tiere besitzen und ihnen überlegen sind. Dies nennt er Artenarroganz. Durch sie werden Ausbeutung, Quälung und Tötung der angeblich niederen Spezies gerechtfertigt. Ryder zieht hier außerdem einen Parellele zu Rassismus und Sexismus und behauptet, es handele sich um die gleiche Denkweise [9]. Letztere Aussage unterliegt einem großen Irrtum, nämlich das Menschen sich bei solchen unumstritten bösen Weltanschauungen an Lexikondefinitionen halten.
Was sind Rassismus und Sexismus eigentlich? Die intuitive Antwort der aufgeklärten, toleranten Masse ist: Die Ungleichbehandlung von Menschen verschiedener Rassen oder Geschlechter.
Der Kampf dagegen scheint einfach, solange unsere brave Gesellschaft ein Grundprinzip verinnerlicht: Wir alle sind gleich, niemand ist verschieden. "Anti-Rassisten" und "Anti-Sexisten" müssen sich also dafür einsetzen, dass alle Gruppen gleich behandelt werden, und zwar auf Teufel komm raus. Mit dieser Sicht wachsen wir heute auf, ungeachtet vom Aufschrei weniger, die diese grobe Vereinfachung und ihre abstrusen Konsequenzen anzweifeln. Solche Konsequenzen sind zum Beispiel Frauenquoten, wie jene, die die damalige SPD-Bundesministerin Christine Bergmann im Jahr 2001 in der privaten Wirtschaft einzuführen versuchte [13]. In anderen europäischen Ländern existieren solche Zwangskontingente bereits, wie in Norwegen seit 2006 in den Verwaltungsräten der größeren Unternehmen [14].
Auf der Basis dieser Vorstellungen von Rassismus und Sexismus definieren viele Menschen, die sich für Tierschutz einsetzen wollen, den Speziesismus [18]. Dieser sei exakt das gleiche, nur eben auf Tiere angewandt. Wenn ein Mensch einem Tier nicht die gleiche Behandlung zuspricht, wie sich selbst, dann ist er ein Speziesist.
Dieses Argument hat eine gewaltige Einschlagskraft, schließlich bedeutet es, dass alle Menschen, die Fleisch, Milch und Eier essen, Leder kaufen und Tierversuche billigen, einem Denkmuster folgen, dass dem gefürchteten Ethnozentrismus des dritten Reiches nicht nur ähnelt, sondern eindeutig parallel läuft. Einige Tierrechtler beschuldigen Fleischkonsumenten rundheraus, dass sie wie die "Nazis" des Dritten Reiches denken und handeln [16]. So wie wir heute unsere Mitwesen töten und ausbeuten bestehe kein Unterschied zur Ideologie der Nationalsozialisten, so lautet die Anklage.
2.2 Fehler der Ableitung
Diese Form des Antispeziesismus ist natürlich umstritten, nicht zuletzt von den judäo-christlichen Religionen, die Tieren nicht den gleichen sogenannten göttlichen Geist der Menschen zuschreiben. Im Moment soll uns aber nur ein spezieller Kritikpunkt interessieren.
Wenn man Speziesismus naiv als Ungleichbehandlung und dementsprechend Antispeziesismus als Gleichbehandlung von Tier und Mensch definiert, muss man entweder den Menschen wie ein Tier behandeln oder das Tier wie einen Menschen. Beides ist offensichtlicher Unsinn. Einen Menschen sollte man nicht nackt in die sibirische Tundra stellen und ein Rentier sollte man nicht vor das Kaminfeuer fesseln. Eine Definition des Speziesismus über die angeblich verwerfliche Ungleichbehandlung von Mensch und Tier ist also schon von Grund auf verkehrt und widerspricht der eigentlichen Idee Ryders (die Artenarroganz, also unrechtmäßige Höherstellung). Wie wir wissen ist es jedoch genau diese Definition (die Ungleichbehandlung), die uns beim Rassismus und beim Sexismus intuitiv richtig erscheint. Den Speziesismus aus diesen beiden abzuleiten ist also der gänzlich falsche Weg.
2.3 Die Redefinition
Eine weitere Definition des Speziesismus stammt vom australischen Philosophen Peter Singer. Er schreibt 1979:
"Speziesismus [...] ist ein Vorurteil oder eine Haltung der Voreingenommenheit zugunsten der Interessen der Mitglieder der eigenen Spezies und gegen die Interessen der Mitglieder anderer Spezies." [11]
Singer beruft sich damit auf sein Prinzip der gleichen Interessensabwägung, nach der jedes Lebewesen das Recht darauf hat, dass seine Interessen im Verhältnis zu denen der anderen Lebewesen gleich berücksichtigt werden. Diese Interessen sind unter anderem die Leidensfähigkeit und das Recht auf Leben. Kein Lebewesen darf in dieser Sache aufgrund seiner bloßen Spezieszugehörigkeit benachteilt oder bevorteilt werden. [10]
Durch diese Definition des Speziesismus ist der Verzehr von Pflanzen ethisch vertretbar, weil sie nicht leiden können wie ein hungerndes Tier. Würden wir uns stattdessen auf die gängige Definition verlassen (die über die Ableitung aus Rassismus und Sexismus), dürften wir nicht einmal das. Wir wären böse Reichisten (von Pflanzenreich und Tierreich), ganz abgesehen davon, dass wir uns durch die komplette klassische Systematik der Biologie durcharbeiten müssten, um der universellen Gleichbehandlung gerecht zu werden. Und wer darf dann noch behaupten, dass das Treten eines Steines nicht "materieistisch" ist? Singers Definition auf der Basis der gleichen Interessensabwägung zeigt uns jedoch: Wir müssen Lebewesen so behandeln, wie es ihr inhärenter Katalog von Eigenschaften und Interessen, ihre Identität, vorgibt. Und diese Eigenschaften sind oft alles andere als gleich.
In der Behandlung von Tieren müssen Menschen also die volle Breite ihrer Identität, berücksichtigen, und zwar nicht nur das Recht darauf, weder leiden noch sterben zu müssen. Ein Tier darf überhaupt nicht entgegen seiner Identität behandelt werden, wenn diese Behandlung seine Interessen als Tier verletzt. Das bedeutet, dass ein Tier einer bestimmten Spezies weder wie ein toter Gegenstand, noch wie ein Mensch oder irgendeine andere Spezies behandelt werden darf. Für ein Schwein ist es natürlich, sich im Dreck zu suhlen, während es in Hose und Hemd an den Küchentisch zu setzen Quälerei ist. Wir Lebewesen sind nicht gleich. Wir teilen manche Interessen (wie Leidensfähigkeit), aber nicht alle (wie Bedarf an Kleidung). Diese Interessen formen unsere Identität als Mitglied unserer Spezies, die immer respektiert und berücksichtigt werden muss. Dies ist der wahre Antispeziesismus.
Ironischerweise scheinen sich viele Tierrechtler genau daran nicht zu halten, wenn sie für Tierschutz werben. Oft hört man von Tieren, die sich in Käfighaltung "langweilen" und "ohne Perspektive" eingesperrt werden [2]. Selbst das Wort "inhuman" oder sogar frei heraus "unmenschlich" wird gerne im Bezug auf Quälung von Tieren verwendet, beziehungsweise "human" für angeblich artgerechte Behandlung [18]. Dabei ist auch die Vermenschlichung von Tieren, deren Herausreißen aus ihrer Identität, eine speziesistische Äußerung.
3. Identitätsrecht und Odalismus
3.1 Das Identitätsrecht
Es gibt also zwei Definitionen von Speziesismus. Die eine wird aus dem abgeleitet, was die breite Öffentlichkeit unter Rassismus und Sexismus versteht, und wie wir gesehen haben ist dies ein Trugschluss. Die andere Definition dagegen befreit den Speziesismus von den fehlerhaften Aspekten dieser Ableitung, wie der Antropomorphisierung und der zwangsweisen Gleichbehandlung, und präsentiert ein intuitiv nachvollziehbares Bild vom Recht jedes Lebewesens darauf, gemäß seiner Identität behandelt zu werden, in diesem Falle gemäß seiner Identität als leidensfähiges Lebewesen. Diese Idee ist das Identitätsrecht eines jeden Lebewesens.
3.2 Die wahren Chauvinismen
Durch dieses Recht können wir den Spieß umdrehen und erhalten eine angemessenere Sicht auf Rassismus und Sexismus. Laut Singers Prinzip der gleichen Interessensabwägung ist es uns verboten, die Interessen von Afrikanern gegenüber Europäern abzuwerten. Das Identitätsrecht geht allerdings weiter: Es verbietet uns, Afrikaner zwangsweise wie Europäer zu behandeln, nämlich dann, wenn es ihr Identitätsrecht als Afrikaner verletzt (was das genau heißt wird später erklärt). Allgemein gesagt: Menschen haben das Recht als Mitglieder ihrer Rasse behandelt und respektiert zu werden und sich sowohl gegen zwangsweise Ungleichschaltung (zB. Sklaverei) als auch gegen zwangsweise Gleichschaltung zu wehren. Zwangsweise Ungleichschaltung sowie Gleichschaltung sind beide Formen des wahren Rassismus. Das ist das Prinzip des Identitätsrechts.
Analog funktioniert dieses Recht im Dienste des Anti-Sexismus. Menschen haben das Recht, ihrem Geschlecht entsprechend behandelt und respektiert zu werden. Jede Form von zwangsweiser Ungleichschaltung und Gleichschaltung der Geschlechter ist sexistisch. Der Anti-Sexismus ist genauso wie Antispeziesismus und Anti-Rassismus ein Spezialfall des Identitätsrechts.
Was bedeutet dies konkret? Was zeichnet eigentlich die Identität eines "typischen" Europäers oder einer "typischen" Frau aus? Das ist die wirklich schwierige Frage, denn die Definition von chauvinistischen Handlungen ist extrem diskussionsbedürftig. Viele Deutsche würden wohl sagen, dass einem Immigranten nicht das Recht auf die Ausübung seiner Bräuche verwehrt werden darf. Umstrittener ist die Frage nach der doppelten Staatsbürgerschaft, und absolut tabu ist die Frage, ob bei der Vermischung der Gene ein Stück Identität verloren geht. Beim Sexismus ist es ähnlich. Eine Frau verdient Mutterschutz, ganz klar. Aber ihr Defizite in der Körperkraft im Vergleich zum Mann zu unterstellen oder gar zu behaupten, sie habe andere geistige Stärken und Interessen kratzt an der politischen Korrektheit. Und das, obwohl sich die Einsicht grundsätzlicher körperlicher Verschiedenheit inzwischen teilweise durchsetzt, wie das Institut für Geschlechterforschung am Berliner Uniklinikum Charité zeigt [15].
Die Lösung ist, das Identitätsrecht in der Theorie anzuerkennen und ihre konkreten Schlussfolgerungen in den allgemeinen Diskussionsraum zu stellen, beziehungsweise jedem selbst zu überlassen. Manchen Menschen ist ihre Identität vielleicht egal, andere würden sehr weit gehen, um sie zu schützen. Dürfen tun sie, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen.
3.3 Soziale Identität und Nationalismus
Bisher lautet das Fazit: Ein Tier darf genauso wenig gequält werden wie ein Mensch von anderen versklavt werden darf. Ihr Identitätsrecht gibt ihnen das Recht, darauf zu verzichten. Damit sind wir aber ganz und gar nicht am Ende seiner Umsetzungsmöglichkeiten angelangt.
Die Frage, die sich jeder von uns stellen sollte, ist die: Welche anderen Aspekte und Merkmale an mir möchte ich respektiert wissen und verteidigen?
Einige Menschen, nehmen wir als Beispiel konkret wir Deutsche, würden auf diese Frage vielleicht antworten: Ich bin Europäer, ich bin Deutscher, ich bin Norddeutscher, ich bin Berliner, ich bin Schützenvereinsmitglied, ich bin Muttermal-auf-der-linken-Backe-Träger. Die Identität darf beliebig tief gehen, auch wenn es ab einem gewissen Grad schwer wird, sein Recht darauf gegenüber wichtigeren Interessen anderer Individuen zu verteidigen, wenn es darauf ankommt.
Dabei muss die Selbstdefinition nicht unbedingt etwas mit dem Genom zu tun haben. Die nationale Kultur, Volkskultur und Geschichte und Sprache formen unsere kulturelle Identität. Diese Merkmale dürfen verteidigt werden gegen Infiltration und Assimilierung unter Berufung auf das Identitätsrecht. Allerdings nur solange das Individuum konsistent ist und das gleiche Recht von Mitgliedern anderer Kulturen und Völker anerkennt. Falls jemand die Identitäten anderer Menschen für weniger schützenswert als seine eigene hält, handelt er ethnozentristisch, und Ethnozentrismus ist nicht mit dem Identitätsrecht vereinbar.
Die Idee, das Identitätsrecht auf Völkerebene anzuwenden, ist nicht neu. Dieses Prinzip wird im klassischen Nationalismus teilweise angewandt. Aber können wir den Begriff in diesem Zusammenhang wirklich benutzen?
Im Brockhaus von 2006 steht:
"Nationalismus: Sammelbezeichnung für politische Ideen und Bewegungen, die die Grenzen von Nation und Staat zur Deckung bringen wollen. Demgemäß kann der Nationalismus emanzipatorische, aber auch repressive, antiimperiale, aber auch aggressiv expansive Züge haben." [1]
Der Nationalismus hat also zwei Gesichter. Einerseits die selbstdefinierende, konstituierende und festigende Seite, andererseits die übersteigernde und unterdrückende Rolle als Platzhirsch im internationalen Geflecht der Völker. In jedem Falle ist Nationalismus aber nicht das gleiche wie Ethnozentrismus, die Hybris und Selbstherrlichkeit sowie Konstruktion und Verachtung aller "anderen"! Nationalismus ist grundsätzlich nicht verwerflich, allerdings war er in der Geschichte zu vielen Neuinterpretationen unterworfen und wird heute nicht in seiner eigentlich allgemeinen und wertefreien Bedeutung gesehen. Wenn man dem österreichischen Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein trauen darf, der sagte "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache" [17], dann ist Nationalismus heute synonym mit der Wurzel des Bösen.
Obwohl das oben beschriebene Identitätsrecht wie der Vater des nationalistischen Gedankens scheint, sollten wir diesen Begriff also vermeiden. Nicht nur weil die Geschichte ihn verunreinigt hat, sondern auch weil er vollkommen unangemessen ist. Der Nationalismus fixiert sich auf relativ willkürliche "Nationen", ist viel unkonkret und allgemein, besitzt das üble Potential zum Ethnozentrismus (oder "Faschismus") und berücksichtigt andere wichtige Aspekte der Identität nicht, nämlich unsere Abstammung, unsere Mythologie und unsere Mutter Natur. Stattdessen bietet sich eine Begriffsalternative aus dem Neuheidentum an.
3.4 Odalismus
Wir wollen also unsere Identitäten definieren und gegenseitig respektieren. Unsere Identitäten als leidensfähige Lebewesen (Antispeziesismus), als Angehörige eines Volkes und einer Rasse (Anti-Rassismus), als Frau oder Mann (Anti-Sexismus), als Vertreter einer Kultur, einer Sprache, einer Geschichte, einer Mythologie und Volksphilosophie. Aber auch unsere Identität als Mensch, als Bewohner dieses Planeten und Teil des globalen Ökosystemes. Alle diese Aspekte beinhaltet die Philosophie des Odalismus.
Das Wort "odal" stammt aus dem urgermanischen *ôþalan oder altnordischen óðal und bedeutet Erbe, Abstammung, Besitz des freien Menschen, ererbtes Gut (Allodium) und Heimat. Entsprechend findet man im älteren Fuþark, der Runenschrift des Urgermanischen, als letzte der 24 Runen das Óþala (griech. Omega). Diese Rune ist das Symbol der odalistischen Philosophie.

Der Odalismus selbst ist ein sehr junger Begriff, der mit dem Neuheidentum im späten 20. Jahrhundert aufgekommen ist, und deshalb bisher nur in wenigen Lexika aufgeführt oder genannt wird. Der Nachteil hieran ist, dass es weder eine zentrale Definition noch hunderte aktive Odalistenorganisationen gibt (was auch immer die machen würden). Zu seinem Vorteil ist er allerdings auch noch nicht durch den Fleischwolf der Geschichte gedreht. Im Netz findet man einige Artikel und Meinungen zu dem Thema, leider aber verwechseln die Gegner den Odalismus meist mit Nationalismus. Aus diesem Grund will ich hier kurz meine eigene Auffassung und ihre Bedeutung für das Identitätsrecht erklären. Die Grundlage für meine Erklärungen sind Artikel und Bücher zum Thema Mythologie und Heidentum (ua. die unten genannten), und natürlich die bereits bestehenden Texte zum Odalismus, mit denen ich weitgehend konform gehe.
Der Odalismus erkennt einige wesentliche Probleme unserer Zeit. Zum einen die fatale Negierung unserer kultureller und ethnischer Identität, unserer Wurzeln, und die daraus folgende Bildung eines verlustreichen Kompromisses zwischen den Völkern, des kleinsten gemeinsamen Nenners. Dieser ist unsere moderne Konsumkultur, welche die ganze Welt mit ihrer Fresssucht und ihrem Materialismus überschwemmt und die Einzigartigkeiten aller Völker im kulturellen Einheitsbrei zu ertränken droht.
Zum anderen erkennt er das Problem des Nationalismus, oder das was die meisten davon halten, der unsere Identitätskrise zwar korrekt feststellt, sie aber fast blind vor Wut dem vermeintlich Fremden anhängt, harte und schnelle Lösungen verlangt und dabei den globalen Zusammenhang aus den Augen verliert.
Odalismus dagegen bedeutet Respekt. Respekt vor unserer eigenen Identität, vor der aller anderen Wesen und vor der Natur. Ein Odalist ist sich über seine Rolle als Teil eines Ganzen bewusst, als einzelner Mensch unter vielen, sowohl räumlich als auch historisch. Er verurteilt den Individualismus als selbstsüchtig und rücksichtslos, und vertritt stattdessen eine holistische, also ganzheitliche Weltsicht, oder bemüht sich zumindest darum.
Odalisten sind deshalb global denkende Anti-Rassisten und Anhänger der Multikultur. Sie wollen die Vielfalt der Völker und Kulturen auf diesem Planeten erhalten, nicht durch repressive Methoden, sondern durch die Hoffnung auf Vernunft innerhalb der Meinungsvielfalt und in gegenseitiger Hochachtung. Dabei beanspruchen Odalisten das Recht darauf, ihre eigene kulturelle und ethnische Gruppe zu schützen und zu fördern, denn sie halten jede Form von Anpassung oder Übernahme für einen Akt wider der Natur des Individuums im Kontext seines Volkes. Deshalb ist diese Philosophie trotz der nordischen Herkunft ihres Namens für Menschen aller Völker anwendbar, wenn auch unter anderen Namen.
Odalisten sind außerdem der Meinung, dass der radikale Individualismus unserer westlichen Gesellschaft schädlich ist und einer Ideologie weichen sollte, die jedem einzelnen Menschen eine Verantwortung gegenüber dem Kollektiv zuspricht. Dieses Kollektiv ist nicht unbedingt die Nation (was ihnen so oft vorgeworfen wird), sondern kann je nach Streitthema von der näheren Familie bis zur globalen Menschheit gehen. Letzterer Fall ist besonders beim Umweltschutz interessant, ganz nach dem Motto "Think Globally, Act Locally" [12]. Odalisten wissen, dass der Mensch sich nicht von der Natur loslösen kann und darf, und deshalb eine Verantwortung für ihr Wohl besitzt. Denn sie ist ein Teil seiner Identität und darf nicht durch egoistische und individualistische Interessen zerstört werden. Umweltschutz ist keine Frage, sondern eine Bedingung für jedes weitere Handeln eines Odalisten. [4] [8] [3] [7] [6] [5]
Diese Philosophie ist damit eine ganz konkrete Anwendung des Identitätsrechts und zeigt, wie sehr es in unserer modernen Gesellschaft mit Füßen getreten wird. Manchmal ganz offen, wie im Falle der Tiere, deren Leidensfähigkeit ignoriert wird. Oft aber auch in scheinbar "guten Absichten", wenn wir gegen Rassismus und Sexismus kämpfen, oder zu kämpfen glauben. Schlussendlich ist es sogar die Rolle des Menschen als Teil der Natur, die ignoriert und verteufelt wird, und die der kurzfristigen Extase des Konsums in den wirtschaftlich erfolgreichen Ländern Platz machen muss. Diese Feststellung ist seit dem Aufkommen des Ökologismus und Kapitalismuskritik nichts neues mehr, aber sie erfährt im Odalismus einen wichtigen Fürsprecher.
Wichtig deshalb, weil der Odalismus zwar eine politisch ist, sich jedoch nicht auf das alte links-rechts-Spektrum versteift. Stattdessen vereint er ohne ideologische Versteifung die verschiedensten Ideen verschiedenster Weltanschauungen und hält das Gleichgewicht zwischen eben jenem modernen Pragmatismus und gesundem Idealismus, der sich besonders aus den neuheidnischen Idealen speist. Diese sind unter anderem Umweltschutz und die Ablehnung dogmatischer Religionen. Eine genaue Erklärung anderer Aspekte des Neuheidentums liefere ich in einem anderen Text.
4. Fazit
Wir wissen jetzt was der Wald-und-Wiesen-Speziesismus ist und dass seine falsche Definition aus so gängigen wie abstrusen Vorstellungen von Rassismus und Sexismus herrührt. Wir wissen auch, dass eine korrekte Definition des Speziesismus auf der Basis des Identitätsrechts dagegen eine Inspiration dafür liefert, wie man die Rechte von Menschen jeder Gruppe modernisieren, stärken und verteidigen kann, egal ob es um Rasse oder Geschlecht geht.
Wir haben außerdem festgestellt, dass dieses Prinzip auch auf soziale Gruppen, Völker und Kulturen anwendbar ist, dass unser Recht auf Identität jederzeit verteidigt werden darf, allerdings nicht ethnozentristisch ("wie die Nazis"), sondern unter gegenseitigem Respekt und Gleichberücksichtigung der Identitäten. Diese selbstverständlich scheinende Idee ist alles andere als in unserer Gesellschaft verankert und wird vor allem von denen negiert und verachtet, die sich für moralisch integer halten und sich mit "Gleichberechtigung aller Menschen" brüsten, die berühmten Gutmenschen.
Die Konsequenz hieraus ist die Philosophie des Odalismus. Sie liefert ein pragmatisches Leitmotiv für ethisches Handeln unter Einschluss des kompromisslosen Umweltschutzes und Bewusstseins über das Erbe der eigenen sozialen Gruppe, wie auch immer der einzelne es definieren will. Der Odalismus soll dabei nicht einfach nur eine weitere Schublade im Schrank der Weltanschauungen sein, sondern als Inspiration für eigene Überlegungen dienen. Nur ein odalistisch motiviertes Handeln kann die Menschheit in eine reiche Zukunft führen, in der sie aus der Globalisierung profitiert, ohne ihre größten Schätze der Vergangenheit zu verlieren.
Brautingi
(September 2009)
Referenzen
[1] Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus. Brockhaus. F.A. Brockhaus Leipzig-Mannheim, 2006.
[2] Easy-Vegan. Easy-Vegan-Film. http://aktion-umwelt.de/easy-vegan.
[3] Felix Genzmer. Die Edda. Heinrich Hugendubel Verlag Kreuzlingen / München, 1981 / 2006.
[4] Wolfgang Golther. Handbuch der Germanischen Mythologie. Marix Verlag Wiesbaden, 1895.
[5] Anders Baeksted. Nordiske guder og helte. Politikes Forlag A/S Koebenhavn, 2001.
[6] Edmund Mudrak. Nordische Götter und Heldensagen. Ensslin im Arena Verlag GmbH Würzburg, 1954.
[7] Heather O'Donoghue. From Asgard to Valhalla. I.B. Tauris & Co. Ltd London, 2007.
[8] Spinoza Ray Prozak. Odalism. http://www.anus.com/zine/articles/alexis/odalism, Mai 2006.
[9] Richard Ryder. Richard Ryder on Speciesism. http://www.richardryder.co.uk/speciesism.html.
[10] Peter Singer. Praktische Ethik. Reclams Universal-Bibliothek Stuttgart, 1979.
[11] Peter Singer. Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere. Rowohlt Reinbek, 1996.
[12] Think Globally, Act Locally. http://en.wikipedia.org/wiki/Think Globally, Act Locally.
[13] Spiegel-Online. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,78989,00.html, Mai 2000.
[14] Tagesschau.de. http://www.tagesschau.de/wirtschaft/meldung146546.html, Dezember 2005.
[15] taz.de. http://www.taz.de/1/zukunft/wissen/artikel/1/frauensind-anders-auch-fuer-aerzte, September 2009.
[16] Alexander Kaschte (Samsas Traum). Wenn schwarzer Regen, November 2007. Audio CD, Track 9 Wir und sie.
[17] Philosophische Untersuchungen. http://de.wikipedia.org/wiki/Philosophische Untersuchungen.
[18] Shaun Monson, Earthlings, USA 2005.
Kritische Kommentare sind sehr erwünscht, aber bitte bitte lest euch vorher den Text durch. Da könnte so manche Spontananschuldigung von vornerein ausgeräumt werden.