Julzeit 2/4
Alte Bräuche
Das brennende Sonnenrad steht in der heidnischen Philosophie für ewigen Kreislauf und stetige Erneuerung. Dessen Zweck ist dort die permanente Selbstreinigung (-verbesserung) mit dem Ziel der ultimativen Reinheit. Die Konzepte Ásgarðr (Stadt der Asen) bzw. Ultima Thule (letztes/ nördlichstes Land) sind Verkörperungen dieses Ziels.
Aus der Radsymbolik stammt die Tradition des Julkranzes aus Stroh oder grünen Zweigen, der mit vier Kerzen quasi entflammt wird. Die Kerzen werden nacheinander an den vier Tagen Freyas (Freitag) vor der Sonnenwende angezündet, als Remineszenz an das vergangene Jahr. In der Sonnwendnacht werde alle Lichter und Kerzen im Haus gelöscht, bis auf einer. Mit dieser wird eine fünfte Kerze in der Mitte des Julkranzes enzündet, von der aus alle vier drum herum angesteckt werden. Das Licht ist gestorben und wieder zurückgekehrt, um das neue Jahr einzuläuten.
In einigen Orten Deutschlands (zB. Lügde) existiert sogar noch der jährliche Osterräderlauf, bei dem ein brennendes Wagenrad einen Hügel heruntergerollt wird, als Symbol für die wiederkehrende Sonne. Dieses Ritual wurde früher auch an Weihnachten abgehalten.
Der Julbaum, an dessen Spitze zu Ehren Óðinns ein Speer befestigt wird, stammt ebenso aus heidnischer Tradition. Er symbolisiert Yggdrasill, den Weltenbaum, und damit die Ordnung der Æsir (Asen) in der neuen und alten Welt. Immergrüne Zweige im Haus dienen der Aussicht auf den kommenden Frühling, an sie werden verschiedene Gegenstände gehängt, zB. neun Kugeln als Symbol für die neun Welten, deren festigende Achse der Weltenbaum ist, sowie essbares aus der letzten Ernte als Opfer für ein ertragreiches neues Jahr. In der Ynglingssaga Snorris (Kap. 8) heißt es entsprechend:
Þá skyldi blóta í móti vetri til árs, en at miðjum vetri blóta til gróðrar [...]
Da sollte man opfern gegen den Winter für ein gutes Jahr, und zur Mitte des Winters für Wachstum [...]
Neben den Toten und den Alben statten auch die Götter den Menschen einen Besuch ab. Im weißen Mantel und mit weißem Bart kommt Heimdallr, Wächter an der Brücke zu Ásgarðr, und ermahnt die Menschen daran, im kommenden Jahr ihre Verpflichtung an Óðinn nicht zu vergessen. Diese Pflicht ist das Streben nach Selbstverbesserung und das Verrichten ehrenvoller Taten, durch welche allein der Mensch sich seinen Platz an der Seite der Æsir in Valhall verdienen kann. Der Jahreswechsel zur Julzeit ist das symbolische Ragnarok, im neuen Jahr (also in der neuen Welt) ist kein Platz für das Unreine. Daher auch die guten Vorsätze für das kommende Jahr, die einen von schlechten Angewohnheiten befreien sollen.
All dies sind uralte heidnische Bräuche zur Erinnerung an das Prinzip der ewigen Erneuerung. Um diesen Gedanken weiterzutragen erzählten sich die Germanen die Geschichte von Baldr, dem Lichtgott und schönsten der Æsir, der von seinem Blinden Bruder Höðr und dem Feuergott Lóki getötet wird. Sein Tod ist das erste Vorzeichen des nahenden Untergangs der Welt.
Davon im nächsten Teil "Balders Tod".
Brautingi
06.12.2000n.Hr.
